Wenn der Körper die Geschichte erzählt

Ende April bekam ich eine Anfrage aus Wandlitz von einer besorgten Angela Sanchez-Petrowski, die sich einige Wochen zuvor ein ungarisches Warmblut direkt aus Ungarn für ihren Reitschulbetrieb gekauft hatte. Laut Anzeige handelte es sich um eine 10-jährige Stute die bis dato auf L-Niveau Dressur und Springen gegangen sein sollte und auf Turnieren vorgestellt wurde. Es gab ein Verkaufsvideo, auf dem Augenscheinlich Polly vorgeritten wurde.

Angela schickte mir Bilder von Polly und das Verkaufsvideo. Auf den ersten Blick schien Polly ein schickes schwarzes Pferd zu sein, mit schönen Grundgangarten.

Nachdem Angela Polly ca. 4 Wochen hatte, stellten sich erste Auffälligkeiten im Gangbild ein.

Polly lag viel, lief nach dem Aufstehen lahm, das Gangbild war steif, die Muskulatur extrem fest.

Die Vermutung stand im Raum, Polly habe eventuell unter Schmerzmitteln bei ihrer Ankunft gestanden.

Angela hatte anfänglich geschrieben, sie sei sicher Polly hätte durch den Transport ein Trauma erlitten. Sie war 24 Stunden in einem umgebauten Sprinter der zu eng und ohne Fenster war quer durch Deutschland gefahren worden. Im Sprinter stand noch ein weiteres Pferd mit Polly zusammen und es gab noch einen Anhänger mit Pferden darauf.

Polly erwies sich als ängstlich und ein Transporter auf dem Hof samt Anhänger ließ sie komplett aus der Fassung bringen. Mit dem Pferd von dem Video hatte dieses Pferd nichts zu tun.

Angela war schnell klar, reiten kann auf diesem Pferd erstmal niemand. Trotzdem stand für Angela fest, Polly bleibt. Nachdem ich Polly Ende Juni kennenlernen durfte kann ich nur sagen, sie hat mein Herz innerhalb der ersten 10 Sekunden erobert. Trotz ihrer scheinbar schlechten Erfahrungen mit Menschen traf ich auf ein Pferd mit einem so unfassbar klaren und offenen Blick, ich war sofort in ihrem Bann.

Da wie erwähnt immer mehr rund um Pollys körperlichen und seelischen Zustand ans Licht kam, nahm Angela Kontakt zu dem Händler in Ungarn auf, der sich am Ende über sie Lustig machte, weil sie sich hatte über den Tisch ziehen lassen.

Somit war klar Polly war ganz sicher nicht das Pferd auf dem Verkaufsvideo, was wir mittlerweile eh schon mehr als angezweifelt hatten.

Polly wurde zutraulicher und Angela schnell zu ihrer Bezugsperson. Trotzdem fühlte sie sich am sichersten in ihrem Paddock mit ihrem eigenen kleinen Stall.

Ende Juni hatte ich eine Behandlungs-Tour in Berlin und plante natürlich Angela mit ihrer Stute Polly ein.

Als ich Polly sah, schaute ich wie schon erwähnt in ihre Augen und war sofort verliebt. Auf den zweiten Blick blieb mir dann der Mund offenstehen, denn Polly hat eine wirklich extreme Fehlstellung der vorderen distalen Gliedmaßen. Davon hatte mir Angela bis dato gar nichts gesagt. Also wer ein Pferd mit dieser Fehlstellung springt…ohne Worte. Für mich war spätestens jetzt klar, das Verkaufsvideo ist fake, denn das Gangbild kann mit einer solchen Fehlstellung nicht so sein! Anatomisch einfach nicht gegeben. Ich sprach Angela darauf an und auch sie bestätigte mir, sie habe diese Fehlstellung erst gesehen, nachdem sie ausgeladen war. Sie erzählte mir ihr Tierarzt sei ebenfalls überrascht gewesen über diese Deformierung.

Angela führte mir Polly vor und mir fiel sofort Pollys Ambivalenz in ihrem ganzen Wesen auf. Auf der einen Seite total zugewandt und auf der anderen Seite absolut skeptisch. Dies zeigte sich sowohl im Gangbild als auch in ihrer gesamten Köperhaltung.

Ich begann mit der Behandlung und Polly ließ sich recht schnell auf meine Berührungen ein. Doch es gab auch immer wieder diese Momente des besorgt seins, besonders während der Behandlung am Becken. Die Behandlung wurde zusehends dynamischer und Polly begann sich merklich besser zu bewegen. Nach jedem Impuls meinerseits kam eine Reaktion, sei es spontanes losgehen, gähnen schnauben. Wir konnten zusehen, wie Polly festgehaltene Schockenergie losließ. Ihre festgehaltene Muskulatur wurde weich, die Atmung wurde tief, der Darm fing an zu arbeiten, das Gangbild wurde freier. So wanderte ich einmal durch Pollys Körper und löste alte Traumen.

Angela und ich sind weiterhin in Kontakt und ich bekomme regelmäßiges Feedback. Polly wird vielleicht kein Schulpferd werden, doch ist sie in ihrem Körper angekommen und bewegt sich mittlerweile gern. Erst heute bekam ich die Nachricht, Polly würde nun immer mal albern auf der Weide rumbuckeln, das wäre ganz neu. Bewegung ist Leben und Leben ist Bewegung.

Polly und Angela haben mich sehr berührt, auch das Polly bleiben darf, obwohl es rein wirtschaftlich unklug ist. Angela hat mir aber auch gesagt, sollte es jemanden geben, der Polly ein schönes zuhause bieten kann und den Fokus nicht unbedingt aufs Reiten richtet, könnte sich gern bei ihr melden. Ein Wanderpokal soll sie jedenfalls nicht werden. Sie hat schon genügend durchgemacht. Am Ende kann auch ein Körper die Geschichte erzählen! Polly ist ein ganz besonderes Pferd mit einer unglaublichen Ausstrahlung, da ist die Fehlstellung völlig unrelevant.