Mut statt Wut

Was tun, wenn ein Pferd sich weigert mit dir über ein Hindernis zu gehen. Sei es Wasser, eine Brücke, ein Tunnel oder auch einfach nur ein Baumstamm oder große Steine am Wegrand?! Ich hatte heute solch eine Situation.

Wir haben auf dem Trailplatz eine Art Furt, in der gerade kaum Wasser ist. Dennoch traute mein Pferd sich nicht hindurch zu gehen. Sie blieb mit den Vorderhufen in der Pfütze stehen aber weiter traute sie sich nicht.

Ich versuchte einiges um ihr Mut zuzusprechen, doch sie bewegte sich kaum bis gar nicht. Ich lief durch die Pfütze, setze mich an die andere Seite und „graste“ in der Hoffnung es würde ihr einen Ruck geben. Sie schaute mir neugierig zu, doch sie blieb weiterhin wie angewurzelt stehen. Ich ging wieder durch die Pfütze und ich spürte bei meiner Stute einen kleinen Ruck der Entschlossenheit mir folgen zu wollen. Dieser Impuls verflog jedoch genauso schnell wie er gekommen war.

Ich versuchte es mit treiben, wie beim Angehen. Wieder dieser kurze Moment meiner Stute des „jetzt Folge ich ihr,“ um dann letztlich doch nicht weiter zu gehen. Ich machte dies eine Weile in der Hoffnung sie könne über ihren Schatten springen und mir mutig folgen, doch es passierte nicht. So kuschelten wir zwischendurch – ich auf der einen Seite der Pfütze, sie auf der anderen. Dann meinerseits wieder etwas forderndes antreiben um sie zu überzeugen aber sie traute sich nicht. Nach einiger Zeit entließ ich sie aus dieser Situation, sie drehte um und begann zu grasen, ich kraulte sie noch ein wenig und ließ sie grasen.

Ich muss jetzt schon schmunzeln, denn einige werden jetzt sagen, das Pferd hätte mich veräppelt und wäre mit ihrer Sturheit durchgekommen. Andere denken vielleicht ich hätte mal richtig durchgreifen müssen, weil sie so lernt, sie muss nicht das tun, was ich von ihr verlange. Genau hier ist für mich der Knackpunkt der Geschichte! Sie muss es nicht tun und schon gar nicht um jeden Preis. Ich kenne mein Pferd und sie kennt mich. Sie weiß das sie nein sagen darf. Sie ist kein besonders mutiges Pferd und braucht bei manchen Dingen Zeit und die bekommt sie.

Ich versetze mich in ihre Lage und spüre, sie traut sich noch nicht aber ich merke auch eigentlich möchte sie, doch das letzte Quäntchen Mut fehlt eben noch.

Wir alle haben solche Situationen schon am eigenen Leib erfahren.

Zum Beispiel vom 5 m Turm springen, wie oft ist man da eventuell rauf und wieder runter. Manche vielleicht auch nie wieder rauf. Die einen springen sofort, die anderen später und einige nie. Warum sollte man jemanden zwingen dort runter zu springen. Es wäre in dem Moment etwas Anderes, wenn wir zwingend Wasser überqueren müssten, weil nur dieser Weg uns an ein Ziel bringen würde. Doch auch dann wäre meine Überlegung, wie kommen wir durch das Wasser ohne das ich meinem Pferd gegenüber ungerecht werde.

Ich weiß jedenfalls genau, mein Pferd wird früher oder später mit mir hindurchgehen, ohne ihr Druck machen zu müssen oder ich Angst haben muss, sie lernt falsche Signale. Ichvertraue meinem Pferd und sie weiß sie kann mir vertrauen. Wäre ich wütend geworden und hätte die hindurchgezwungen, dann hätte ich ihr Vertrauen missbraucht und ich hätte Sorge gehabt, sie niemals durch diese Furt zu bekommen.

Ganz sicher werde einen neuen Anlauf starten, doch weder morgen noch in den nächsten Tagen, sondern erst dann, wenn es sich ergibt, so wie heute und auch. Dann werde ich sie bitten jedoch nicht zwingen. Wichtig ist dabei sich treu zu bleiben, die Situation wirklich zu akzeptieren und nicht doch am Ende mit Wut im Bauch das Pferd gehen zu lassen, denn die Pferde spüren, ob unsere Gedanken ehrlich sind oder nicht.

In diesem Sinne bleibt achtsam mit euren Pferden und euch selbst.