Trauma-Pferdchen Folge 3 - In den Körper kommen

Woche 2

Leider ist die Integration in die Herde fehlgeschlagen. Zwei der ranghohen Pferde haben Sly immer wieder gejagt. Es war schon eine bedrohliche Form des Jagens.

Warum er auf diese Weise gejagt wurde, hat eine ganz einfache Erklärung.

Dazu braucht es erneut einen kleinen Abstecher in das Thema traumatische Erlebnisse und was mit dem Körper und dem Geist passiert.

Ein Trauma wird als ein lebensbedrohliches Ereignis wahrgenommenes, das die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt und das betroffene Pferd in absolute Hilflosigkeit oder intensive Angst verfallen lässt. Wenn weder Kampf noch Flucht möglich ist, also Körper und Seele sich der Situation nicht entziehen können, schaltet der gesamte Organismus auf Überlebensstrategien um. Das Pferd erstarrt und dissoziiert. (Abspaltung vom eigenen Körper) Ein Pferd, was sich vom eigenen Körper abgespalten hat, so wie Sly, lässt sich zwar jagen, jedoch zeigt er keinerlei Emotionen und ist so nicht lesbar für die anderen Pferde. Sie werden unsicher und zeigen sich aggressiv. Natürlich nicht alle Pferde, doch einige springen darauf an. (Visionäre Pferdeosteopathie®)

 

Jule bringt daraufhin ihren anderen Wallach Rocco ebenfalls auf den Hof. Dies ist eine gute Entscheidung, da die beiden sich bereits kennen und Rocco Sly so nimmt wie er ist. Er ist ein kluges und gelassenes Pferd und hat daher kein Problem mit Slys Verhalten.

Tatsächlich tut es beiden Pferden gut wieder vereint zu sein. Anfänglich begibt sich Sly immer in Roccos Deckung, als könne er so unsichtbar werden. Wie ein Schatten bleibt er dicht hinter Rocco. Dieser nimmt es gelassen hin.

Dieses Verhalten Seitens Sly, verändert sich tatsächlich unfassbar schnell.

Am nächsten Tag nehme ich Sly wieder mit auf den Reitplatz und lasse Rocco zurück. Man könnte nun meinen Sly würde wiehern oder unruhig werden, doch Sly bleibt in sich gekehrt und folgt mir ohne jegliche Emotion.

Hier wird wieder sichtbar, wie Tief dieses Trauma sitzt. Es ist falsch zu glauben, er sei eine coole Socke, dies ist leider nicht der Fall. Leider passiert es sehr häufig, die Menschen denken sie haben ein cooles Pferd, doch letztlich haben sich diese Pferde einfach ausgeklinkt.

Wird dies nicht bemerkt, kann es so wie bei Sly auch gefährlich werden oder man hat Pferde, mit ständig wechselnden Symptomen, dies kann von diffusen Lahmheiten bis hin zu chronischer Erkrankungen erstrecken.

Heute nehme ich den Kappzaum und eine kurze Longe, ich möchte schauen, wie er sich auf einer Kreislinie verhält. Von Jule weiß ich schon, er kann sich im Genick nicht biegen. Dies bestätigt sich leider. Die Kreislinie hat ihm scheinbar in seiner Jungpferdeausbildung niemand erklärt. Also erkläre ich ihm, wie es sich so verhält mit der Balance auf der Kreislinie, die Kraft der Hinterhand zu nutzen, denn die hat er ja nach der Behandlung wiederbekommen. Er nutzt sein Becken wieder voll, doch er hat keine Ahnung, wie er sich selbst tragen kann. Das haben bisher seine Reiter für ihn getan. Also werde ich ihn wie eine Remonte in die Geheimnisse der Kreislinie einweihen.

Nachdem ich nun einige Male mit ihm in dieser Form auf dem Reitplatz gearbeitet habe, natürlich immer nur kurze Sequenzen und es auch schon mit der Trense ausprobiert habe, verändert sich sein Verhalten auch Zunehmens auf dem Auslauf.

Je besser er in seinen Körper kommt, umso mehr geht er in echten Kontakt. Mit den Stuten am Reitplatz, mit Rocco und der Herde nebendran. Mit mir fühlt er sich mittlerweile sicher und kann mir folgen, wenn ich ihm Dinge erkläre.