Trauma-Pferdchen Folge 2 - Die erste Woche


Tag 2 

Ich hole Sly von seinem Auslauf und entschließe mich Sly auf gar keinen Fall anzubinden, wenn ich ihm die Hufe auskratzen möchte, denn hierbei war er immer in die Pressatmung gerutscht. Zu allem Überfluss hatte er sich noch in die Haltung einer Bergziege gestellt, dies will ich unbedingt vermeiden. Er soll das Gefühl haben zu gehen, wenn es ihm zu viel wird. Ein weiterer wichtiger Schritt für mich, den Hufen keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Denn die sehen für mich ganz gut aus, keine Strahlfäule. Es hieß er habe welche und sei auch extrem fühlig. Meine Hufpflegerin ist auch schon Kontaktiert und kommt demnächst vorbei, um die Hufe anzuschauen.

Mit diesen kleinen Veränderungen, hat sich einiges für Sly verändert. Er merkt sofort, dass ich ihn sehe und seine Sorgen verstehe. Er bleibt entspannt stehen ohne Pressatmung. Mehr mache ich am zweiten nach der Ankunft nicht mit ihm.

 

Tag 3
Sly sucht den Kontakt zur Herde, noch steht er getrennt von den anderen. Kann aber über den Zaun Kontakt aufnehmen. Ebenfalls nimmt er die Umgebung unter die Lupe. Ich mache wieder nicht viel mit ihm, hole ihn erneut vom Auslauf und lasse ihn frei stehen und schaue ob ich ihn putzen darf. Er erlaubt es und die Atmung bleibt entspannt, keine angelegten Ohren, keine angepressten Lippen.

 

Tag 4
Nimmt er von sich aus erstmals zu mir Kontakt auf. Ich halte meinen Handrücken hin, er schnuppert zaghaft, dann schlägt es in beißen um. Ein typisches Verhalten, bei traumatisierten Pferden. Aus der Unsicherheit folgt die Aggression. Genauso verhält es sich mit dem Schubbern. Ich soll seinen Kopf schubbern, doch dann wird es ihm zu viel und er schlägt vehement mit dem Kopf.

Beides werde ich nicht mehr in dieser Form zulassen, jedoch ohne es ihm zu verbieten oder zu tadeln. Ich werde beim „Beißen“ die Hand zurücknehmen und beim Schubbern mit dem Kopf ebenfalls weichen, sobald es umschlägt. Er wird schnell verstehen, dass es so nicht gewünscht ist und über Alternativen nachdenken.

 

Tag 5
Ich füttere Sly erstmals außerhalb seines Paddocks. Sein Auge ist besorgt und er muss ständig die Umgebung checken. Es ist allerdings auch recht windig. Heute gehen wir erstmals auf den Reitplatz. Neben dem Reitplatz wohnen die Stuten und kommen gleich ganz neugierig an den Zaun. Sly zeigt keinerlei Interesse. Als ich mit ihm auf die Stuten zugehe, zieht er mich weg. Klare Ansage. Er bleibt die ganze Zeit im Außen und lässt besorgt seine Blicke schweifen. 

Ich gehe in Kontakt mit ihm, er tut sich schwer, sich auf mich einzulassen, zu tief sein Misstrauen, doch am Ende ungesehen zu bleiben. Doch ich bemerke schon eine erste Veränderung in seiner Mimik. Nach einigen Runden gehen wir wieder zurück in sein Paddock.

 

Tag 6
Wir gehen erneut auf den Reitplatz. Heute kann er mir schon besser zuhören. Bin ich doch genauso präsent wie gestern.

 

Tag 7
Erneut gehen wir auf den Reitplatz, immer noch nur mit Halfter und Strick. Er soll nur verstehen, das er sich auf mich verlassen kann, jeden Tag aufs neue, wenn er mit mir zusammen ist. Er bleibt immer mehr bei mir und muss nicht mehr die Umgebung abscannen.
Mitlerweile kann ich seinen Kopf schubbern ohne Aggression, auch das Beißen ist verschwunden.

 

Ohne viel gemacht zu haben, nur durch mein Dasein und das Wissen um seine Sorgen haben in dieser Woche schon einiges in Sly verändert.