Trauma-Pferdchen Folge 1 - Sly kommt zu mir

Traumabehandlung am Pferd
Osteopathische Pferdebehandlung

Ab heute wird es immer wieder kurze Blogeinträge zu dem Wallach Sly geben. Er wird einige Zeit bei mir verbringen, Warum er bei mir ist erfahrt ihr in den nächsten Folgen.

 

Vorab einen kleinen Abstecher zu folgender Fragestellung:


Was bedeutet Trauma eigentlich und wo ist der Unterschied zwischen Trauma und Schock?
Der Begriff Trauma kommt aus dem (griech.: Wunde) und entsteht immer dann, wenn ein oder mehrere Ereignisse die individuelle Belastungsgrenze überschreiten. Traumen können sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene stattfinden und sich als Schock manifestieren.

Schock ist somit das Resultat eines Traumas. Schockenergie ist Systemübergreifend und wirkt sich ebenfalls auf allen Ebenen aus.

Seit Anfang Januar ist Sly zu mir nach Niedersachsen gekommen. Seine Besitzerin Jule hat ihn mir anvertraut, da sie nicht mehr weiter wusste. Die beiden haben eine längere Odyssee hinter sich. Schon beim Kauf hatte ihr Bauchgefühl sich gegen den Wallach entschieden, doch der Kopf hat sich am Ende durchgesetzt, die traurigen Augen, die Art wie er geritten wurde und was sie über seine Ausbildung erfuhr, veranlasste sie Sly zu kaufen. Ihr Bauchgefühl sollte sie nicht täuschen.

Die Symptome begannen nach ca. 6 Monaten – schleichend. Die Hufe begannen Probleme zu bereiten. Strahl und Ballen an den Hinterhufen schwollen extrem an und waren sehr empfindlich. Zu diesem Zeitpunkt trug Sly noch Eisen. Es folgte eine Reihe von Terminen mit Tierarzt und Hufschmied. Es wurde versucht das Symptom in den Griff zu bekommen, mit wenig Erfolg. Diverse Huforthopäden wurden um Rat gefragt. Letztlich wurden die Eisen abgenommen, die Hufsituation besserte sich zwar, doch nicht so wie erhofft. Es gab eine lange Zeit ausschließlich das Thema Hufe und Krankheit, Sly wurde gar nicht mehr als Ganzes gesehen, nur noch die Symptome. Hier begannen die beiden sich zu verlieren. Weder Tierarzt noch Hufschmied hatten die Idee der Ursache für das extreme Anschwellen der Ballen auf den Grund zu gehen.

Sly wurde zunehmend Schreckhafter, aus scheinbar völlig entspannten Situationen heraus, jedenfalls aus Jules Sicht. Diese Momente waren teilweise so heftig, dass es seitens der Menschen zu Verletzungen kam, da nicht mit einem solchen Ausmaß des Erschreckens gerechnet wurde. Beim Reiten wurde Sly ebenfalls immer „unkooperativer“, von erschrecken bis buckeln ein größeres Repertoire hatte Sly nun im Angebot. Nun hatten sich die beiden gänzlich verloren. Jule war nicht aufgefallen, dass auch Sly kapituliert hatte.

Auf der Weide ließ er sich nicht mehr einfangen, fressen war für ihn mittlerweile lebensnotwendig geworden.  (Der sogenannte Selbsterhaltungstrieb). 

Im November 2020 wurde ich gebeten Sly zu behandeln, da nach längeren Telefonaten zwischen mir und Jule klar war, Sly ist traumatisiert. Also behandelte ich ihn.

Mir stand ein in sich zurückgezogenes Pferd gegenüber, mit Sorgenfalten über den Augen und ins sich zusammengefallen. Abgeschottet von der Umwelt auch von seinen Herdenmitgliedern.

Seine Vorgeschichte war mir bereits bekannt. Es hatte schon einiges erleben müssen, besonders während seiner Aus- und Weiterbildung. Er hatte bis er zu Jule kam nur funktionieren müssen. Da er plötzlich nicht mehr funktionieren musste, viel er in ein Loch, ohne Halt. Dieses Funktionieren hatte ihm Sicherheit gegeben, er kannte es nur so.

Nun durfte er plötzlich mitentscheiden, damit war er überfordert und entschied sich gern auch falsch, jedenfalls aus Sicht des Menschen. Aus seinem Tief konnte er allein nicht mehr heraus. Da seine Menschen völlig überfordert mit seinem Verhalten waren, trug dies auf beiden Seiten zu Sorge und Missverständnissen bei. Pferde mit einem Trauma sind in sich gefangen. Sie fühlen entweder gar nichts mehr oder zu viel. Sie bekommen körperliche Symptome. Der Körper leidet genauso wie die Seele.

 

Nach der Behandlung – ich löste sein Kastrationstrauma, brachte ihn wieder in die Atmung und in seinen Körper zurück,  begann er die Umgebung wahrzunehmen und zeigte Interesse an den anderen Pferden.

Es vergingen einige Wochen, dann gab es einen Zwischenfall, bei dem die Pflegebeteiligung verletzt wurde. Alle Beteiligten waren schon zu sehr in den Strudel des Traumas von Sly geraten.

Jule konnte und wollte nicht mehr. So kam es, dass Sly zu mir gekommen ist.

Da Jule teilweise Slys Verhaltensmuster falsch oder gar nicht deuten konnte, half ihnen die Behandlung von Sly nur bedingt. Jule hatte sich emotional schon so sehr von Sly entfernt, dass eine Beziehung nicht mehr möglich war. Er begann nach der Behandlung ihre Nähe zu suchen, doch diese schlug schnell in aggressives Verhalten um, als würde sich plötzlich ein Schalter umlegen.

Es gab kein richtiges Maß mehr zwischen den beiden, das Vertrauen war weg. 

Die „Verletzungen“ bei Sly sind alt und tief, sie kamen zum Vorschein, nachdem der Druck, der ihm vorher Sicherheit gegeben hatte weg war. 

Nun gilt es Sly wieder Vertrauen in die Menschen zu geben, dies funktioniert jedoch nur, wenn man weiß, wie sich ein traumatisiertes Lebewesen fühlt und verhält. Kurz nach seiner Ankunft in seinem neuen "Übergangs zuhause" habe ich Sly nochmals behandelt. In seinen Körper hat er dank der beiden Behandlungen schon gut zurück gefunden.