Born to be...

Born to be …?

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, wie das Leben eures Pferdes begonnen hat? Wie es gezeugt, geboren und großgeworden ist? Den Beginn eines Pferdelebens in freier Natur haben wir schnell vor Augen – aber wie sieht es unter der „Obhut“ des Menschen aus?

Von „Natürlichkeit“ bleibt da oft keine Spur, schon gar nicht in der gezielten Zucht, in denen die sogenannten Zuchtstuten und die sogenannten Deckhengste gepaart werden. Aus Sicht des Menschen steht der Schutz dieser Elterntiere an oberster Stelle. Aus Sicht der Pferde ist dieser Akt der Nachwuchszeugung Stress pur.

Meist wird die Stute durch den Tierarzt künstlich besamt, wofür zunächst das Sperma des Hengstes gewonnen werden muss. Zu diesem Zweck muss der Hengst auf einen Dummy springen, also auf Kommando und punktgenau den Akt einer Zeugung unter völlig unnatürlichen Bedingungen durchführen. Aber auch davor kann aus Sicht des Hengstes von natürlichen Bedingungen keine Rede sein, denn Deckhengste leben in der Regel – und auch das wiederum nur zu ihrem Schutze – in Einzelhaltung und haben somit keine sozialen Kontakte zu ihresgleichen. Wie trostlos ist dieses Leben. Der Hengst sieht, hört, riecht zwar die anderen Pferde, kann aber nicht in näheren Kontakt mit ihnen treten. Wie einsam und wie deprimierend.

Den Zuchtstuten geht es in Bezug auf Sozialkontakte vielleicht etwas besser. Mit Glück kommen sie gemeinsam und später dann mit ihren Fohlen auf die Weide. Aber in jedem Fall haben sie einen Job zu erfüllen: Sie sollen gute Fohlen hervorbringen. Tun sie dies, werden sie über die Jahre zu „Geburtsmaschinen“, denn ihre natürlichen Bedürfnisse hinsichtlich Zeugung und Aufzucht ihrer Fohlen und ihre eigenen Lebensumstände spielen keine Rolle. So müssen sie sich beispielsweise schon kurze Zeit nach der Geburt mit ihren Fohlen auf Schauen präsentieren – und wer bei diesen Fohlenschauen schon einmal dabei war und nicht nur durch die Brille der Züchter und Käufer, sondern durch die Brille der Pferde schaut, spürt und sieht den Stress, dem die Mutterstuten und Fohlen hier ausgesetzt sind.

Sind die Fohlen ein halbes Jahr alt, werden sie in der Regel von ihren Müttern getrennt. Mit Glück bleiben sie noch eine Zeit in ihrer gewohnten Umgebung, oft jedoch kommen sie in ein neues Zuhause. Und so oder so kommen sie nach der Trennung von ihren Müttern häufig erst einmal in den „Kindergarten“, also in reine Jungpferdeherden, die dann auch noch häufig nach Geschlecht getrennt werden. Wie aber sollen die Fohlen etwas lernen, wenn es keine Erwachsenen mehr zwischen ihnen gibt, die ihnen zeigen, wie es geht? Und welche Züchter würden wohl die eigenen Kinder in einen Kindergarten mit nur Gleichaltrigen und ohne Kindergärtnerinnen und Kindergärtner geben?

Nach einigen Monaten ist das Leben der Jungpferde auf ihrer Jungpferdekoppel vorbei und von heute auf morgen, Knall auf Fall beginnt ein nächster Lebensabschnitt: Nun werden sie vom Menschen „erzogen“, müssen Stillstehen lernen und das Losgehen auf Befehl und in der erwünschten Gangart, sie werden longiert und angeritten, und eventuell haben sie es im Zuge dieser Ausbildung auch noch mit unterschiedlichen Menschen zu tun. Dass dabei so einiges mit einem Pferd passiert, liegt auf der Hand – im schlimmsten Fall: Überforderung, Hilflosigkeit und Angst bis hin zum Verlust der eigenen Persönlichkeit.

Tatsächlich haben unendlich viele Pferde durch den Umgang der Menschen ihre Persönlichkeit verloren, weil ihre Bedürfnisse von ihrem Lebensanfang an überhört und übergangen und sie immer nur einseitig „gefördert“ werden. Diese Pferde lernen in ihrer Machtlosigkeit, den Menschen zu lesen und damit, es uns Menschen recht zu machen. Der Mensch nennt es dann „Gehorsam“ oder „gut erzogen“. Aber viel eher passt hier der Begriff der erlernten Hilflosigkeit. Diese Pferde haben den Bezug zu sich verloren.

Wer sich für einen gemeinsamen Weg entscheidet, auf dem auch die Persönlichkeit des Pferdes zählt, macht sich auf einen ungleich längeren Weg, der gefühlt auch nie endet. Jeden Tag aufs Neue muss ich mich dann fragen, ob mein Pferd mich verstanden hat und muss vor allem lernen, die Pferde zu verstehen. Denn nur so können sie sich einbringen und mitteilen.

Wir dürfen keine Angst haben vor ihrem wahren Temperament, man muss es zu schätzen lernen und lernen, wie man damit umgeht. Es gibt nichts Schöneres als die Momente, in denen ein Pferd beginnt, sich wieder selbst zu spüren und aus seiner inneren Gefangenschaft ausbrechen kann. Seine Augen beginnen zu leuchten, die ganze Körperhaltung verändert sich, das Selbstbewusstsein wächst. Diese Pferde kommen aktiv zu dir und wollen sich mit dir beschäftigen – und wollen sie mal nicht, dann ist es auch okay. Unnatürliche Zuchtbedingungen und Fohlenschauen bringen Pferd und Mensch einander nicht näher, im Gegenteil; und schließlich entfremden sie sogar das Pferd von sich selbst. In diesem Sinne: Schaut immer wieder in die Augen und durch die Augen eures Pferdes. Und wurde ihm schon kein natürlicher Start in sein Leben geschenkt – so schenkt ihm sich selbst und eure ganze Aufmerksamkeit, sobald es sich in eurer Obhut befindet.