Die Meinung des Pferdes achten

Wer sich beruflich mit Pferden beschäftigt, hat auf die Nachfrage, ob sich das Pferd beim Hufe geben, beim Putzen, Satteln, Aufsteigen oder Ähnlichem auffällig verhält, sicher schon folgende Antwort bekommen: „Das macht er/sie schon eine ganze Weile“ oder gar „das war schon immer so.“ Fragt man dann genauer nach, kommt allerdings häufig heraus, dass diese Auffälligkeiten doch nicht schon immer so waren oder zumindest nicht ganz so extrem oder mal schlimmer und jetzt gerade wieder besser. Sie als gegeben hinzunehmen ist jedoch keine gute Idee – wir sollten ihnen stattdessen unbedingt Beachtung schenken, denn über solche Auffälligkeiten teilt uns ein Pferd in diesem Moment mit, dass irgendetwas nicht stimmt. 

 

In den tagtäglichen Umgang mit dem Pferd schleicht sich schnell eine Art Betriebsblindheit ein. Um dem entgegenzuwirken ist es gut, immer wieder einmal so zu tun, als wäre dieser Tag mit unserem Pferd der allererste Tag mit unserem Pferd – also auf jede einzelne Handlung zu achten: Wie schaut mein Pferd, wenn ich zu ihm gehe, um es ans Halfter zu nehmen – zugänglich oder abweisend? Wie reagiert mein Pferd beim Hufe auskratzen – gibt es jeden Huf bereitwillig her? Lässt es sich problemlos satteln – oder legt es dabei die Ohren zurück und schnappt vielleicht sogar Richtung Sattelgurt? Bin ich als Reiterin willkommen – oder möchte das Pferd schon während des Aufsteigens Reißaus nehmen? Wie auch immer das Pferd reagiert: Es tut eine Meinung kund. Und es ist unsere Aufgabe, diese Meinung ernst zu nehmen und nicht als „mal wieder typisch“ einfach abzutun.

 

Nehmen wir als Beispiel einen Klassiker der Meinungskundgabe des Pferdes – das Satteln:

 

Schnappt ein Pferd beim Satteln, sollten wir zuerst darauf schauen, wie genau dieses Schnappen eigentlich aussieht und worauf genau dieses Schnappen sich bezieht. Es macht schließlich einen Unterschied, ob das Pferd ein Schnappen eher andeutet, indem es mit einer kurzen Geste nach seitlich hinten schnappt, oder ob es mit diesem Schnappen kontinuierlich über den gesamten Prozess des Sattelns beschäftigt ist. Auch macht es einen Unterschied, ob sich das Schnappen des Pferdes auf den Sattel, den Sattelgurt oder den aufsattelnden Menschen bezieht. Eine weitere Beobachtung zielt darauf ab, ob sich diese negative Meinung des Pferdes zum Thema „Satteln“ über die nachfolgenden Handlungen fortsetzt, ob das Pferd also auch Unbehagen beim Aufsitzen und/oder dem anschließenden Reiten zeigt. Daraus können wir dann beispielsweise schon einmal schließen, ob dem Pferd ausschließlich das Gesattelt werden oder aber der ganze Sattel nicht passt, oder gar mit den Aufgabenstellungen des Reiters überfordert ist.

 

Sobald wir merken, dass ein Pferd sich anders als sonst oder anders als erwartet verhält, sollten wir anfangen herauszufinden, woran dies liegt. Den Anfang macht die genaue Beobachtung. Und ganz wichtig dabei ist es, zunächst wirklich nur zu beobachten und nicht zu interpretieren. Auf diese Weise werden wir offen für die Kommunikationsmöglichkeiten des Pferdes – das Spiel seiner Ohren, die Mimik, seine Gesten. Und von hier aus können wir dann beginnen, Ursachen zu erkunden und Probleme zu lösen. Schritt für Schritt. In Bezug auf unser Beispiel ist es vielleicht schon ausreichend, den Sattel wieder mit mehr Empathie aufzulegen. Vielleicht ist aber auch der Besuch eines Tierarztes oder eine osteopathische Behandlung nötig. Vielleicht muss aber auch der Sattler kommen oder das Training angepasst werden.

 

Die Pferde lernen es zu schätzen, wenn man ihnen zuhört, ihre Meinung achtet und entsprechend handelt.