Die Sache mit dem Respekt

Sprechen wir von Respekt, sehen wir es meist aus unserer Perspektive. Ich möchte heute versuchen eine Brücke zu schlagen zwischen unserer Vorstellung davon, wie der Respekt eines Pferdes uns gegenüber auszusehen hat, und wie es andererseits vom Pferd aus wahrgenommen werden kann. Denn Respekt kann nur richtig verstanden werden, wenn man in der Lage ist, die einzelnen Definitionen zu verstehen.

 

 

Beschäftigen wir uns erstmal mit dem Begriff "Respekt":

Respekt (von lateinisch respectio „Rückschau, Einschätzung, Betrachtung, Wieder-Schau“, im Sinne von „Beurteilung“, über frz. respect „Hochachtung“) bezeichnet eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einem anderen Lebewesen (Respektsperson) oder einer Institution. Eine Steigerung des Respektes ist die Ehrfurcht, etwa vor einer Gottheit. Respekt bedeutet unter anderem Achtung, Höflichkeit, Fairness, Anerkennung, Autorität, Toleranz, Vorsicht und Prestige.  Respekt wird als menschliches Grundbedürfnis angesehen. 

 

Der Mensch hat also viele Möglichkeiten der Interpretation. Das liegt unter anderem daran, dass wir in der Lage sind, komplex zu denken. Verantwortlich dafür ist unter anderem der Neocortex, ein Teil unseres Großhirns. Der Neocortex beim Pferd ist deutlich weniger ausgeprägt als der des Menschen und Pferde denken auch von daher nicht in abstrakten Zusammenhängen. Eine wichtige Rolle spielt auch der Corpus Callosum, dessen Aufgabe darin besteht darin, Informationen von der einen Hemisphäre des Gehirns in die andere zu übermitteln. Da beide Hirnhälften zum Teil verschiedene Funktionen ausüben, werden durch den Informationsaustausch die Funktionen koordiniert. Diese Übermittlung beträgt beim Pferd jedoch nur etwa 20 %. Das Pferd sieht die Welt also allein schon deshalb anders als wir, da unsere Gehirne unterschiedlich arbeiten. Und hier möchte ich nun ansetzen:

 

Wenn wir ein Pferd ausbilden wollen, lernt es durch uns, sich für uns „richtig“ zu verhalten. Bringen wir dem Pferd bewusst etwas bei, zum Beispiel das Stillstehen beim Aufsteigen, sagen wir, das Pferd „respektiere“ meinen Wunsch, zu warten bis ich aufgesessen bin. Wenn ich jedoch in der Ausbildung ungewollt inkonsequent bin und mein Pferd beim Aufsteigen mal losgehen lasse und mal nicht, kann es passieren, dass unsere Pferde beim Aufsteigen zappelig werden. Spätestens jetzt wird ihm „Respektlosigkeit“ vorgeworfen. Das Pferd kann jedoch nicht unterscheiden, dass es mal erwünscht und mal egal ist, beim Aufsteigen stehen zu bleiben. So ist also das Pferd in dieser Situation der Gekniffene, da es selbst herausfinden muss, was der Mensch wohl heute von ihm erwartet.

 

Es liegt also an uns, dem Pferd klare Linien vorzugeben, an denen es sich orientieren kann. Das hat etwas mit Konsequenz, Selbstdisziplin und Empathie des Menschen zu tun, aber nichts mit Respekt bzw. Respektlosigkeit des Pferdes uns gegenüber.

Die Pferde spiegeln unser Verhalten wider. Pferde können nicht zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Lernen unterscheiden. Genauso verhält es sich zum Beispiel mit der Flucht eines Pferdes: Wenn wir verstehen, warum ein Pferd flüchten will, können wir ihm viel besser helfen, es nicht tun zu müssen. Wenn wir es nicht verstehen, dann unterstützen wir womöglich ungewollt den Fluchtgedanken.

 

Auch hierzu ein schönes Beispiel:

 

Ein junges Pferd, sehr aufgeschlossen und neugierig, recht temperamentvoll, aber auch schnell besorgt was äußere Eindrücke angeht. Lasse ich dieses Pferd jedes Mal, wenn es sich vor einem Stein oder Gebüsch gruselt, so lange schauen und riechen, bis es selbst beschließen kann, ob dieses Ding gefährlich ist oder nicht, ob es bleiben oder lieber flüchten soll, dann lernt dieses Pferd in jedem Fall, dass der Mensch neben ihm bei solch lebenswichtigen Entscheidungen schon einmal keine große Hilfe ist. Lasse ich das Pferd hingegen kurz schauen, evtl. auch riechen, und gehe dann entschlossen mit meinem Pferd weiter, wird es lernen, dass es sich auf mich verlassen kann – weil ich entscheiden kann, dass die Sache in Ordnung ist. Vertraut mir ein Pferd, wird es mir folgen; kann es mir nicht vertrauen, wird es seinen Instinkten vertrauen und im Zweifel losrennen. Und wieder heißt es in diesen Situationen dann, das Pferd habe keinen Respekt vor uns. Völlig ignoriert wird, dass ich als Mensch die falschen Signale gesetzt und dem Pferd nicht geholfen habe, angstfrei aus der Situation herauszukommen. Pferde sind im Gegensatz zu uns Menschen nicht in der Lage, eine Situation rational zu analysieren, sie handeln aus dem Instinkt heraus.

 

Das bedeutet also: Wir müssen uns klar machen, dass Pferde immer wertfrei handeln, also beispielsweise bei Angst mit Flucht oder durch inkonsequente Arbeit mit „Widersetzlichkeit“ reagieren, weil sie unsicher sind und sich im Zweifel auf ihre Instinkte verlassen. Machen wir es jedoch im Sinne des Pferdes richtig, reagieren sie mit Aufmerksamkeit. Wir müssen lernen, mit diesen Situationen durchdacht und angemessen umzugehen und die Pferde in solchen Situationen freundlich, wohlgesonnen und entschieden begleiten.