Ein Ziel und doch unterschiedliche Wege

Häufig werde ich zu Pferden gerufen, die nicht vorwärtsgehen wollen, und gebeten, diese Pferde osteopathisch zu behandeln. Und immer wieder zeigt sich dann, dass eine oder gar mehrere Behandlungen allein nicht ausreichen werden, um diese Pferde wieder in eine motivierte Arbeit zu bekommen. Denn die Gründe dafür, warum ein Pferd nicht vorwärtsgeht, sind so unterschiedlich wie die Pferde selbst – und deshalb müssen zuallererst einmal unsere Gedanken frei und beweglich genug werden, um diesen Gründen auf die Spur zu kommen und dann genau herauszufinden, wie wir dem Pferd helfen können, so freiwillig und motiviert voranzuschreiten wie es seiner Art entspricht.

 

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigen beispielhaft drei Pferde, die bei gleicher Ausgangslage – das Pferd geht nicht vorwärts – doch ganz unterschiedliche Vorgeschichten hatten und demzufolge ganz differenzierte Herangehensweisen brauchten. Von diesen drei Pferden will ich in den folgenden drei Beiträgen erzählen.


Ein Schritt zurück, zwei schritte vor

Das erste Pferd, von dem ich berichten möchte, ist eine kleine Haflingerstute. Sie ist absolut brav im Umgang, aber war damals kaum vorwärts zu bewegen – weder an der Hand noch an der Longe und geschweige denn unter dem Sattel.

 

Sie zeigte gar keine Bereitschaft, auch nur einen Schritt für einen Menschen zu machen und schlurfte stattdessen im Schritt vor sich hin. Sie in den Trab zu bekommen war gefühlt unmöglich, an Galopp war nicht zu denken. Zudem war sie recht in sich gekehrt und zeigte wenig Interesse am Menschen. Schnell wurde deutlich, dass diese kleine Stute überhaupt keine Idee davon hatte, was hier eigentlich von ihr gewünscht war, dass sie also aller Wahrscheinlichkeit nach nie wirklich eingeritten wurde. Damit war der Ansatzpunkt für unsere Zusammenarbeit gefunden: Die kleine Stute musste noch mal ganz neu angeritten werden.

 

Es war gar nicht so einfach, sie davon zu überzeugen, mitzuarbeiten und so zu arbeiten, dass sie Spaß an der Sache entwickelte. Den Anfang machte die Boden- und Longenarbeit ausschließlich im Schritt. Für jeden Schritt, den sie freiwillig tat, gab es eine kurze Pause im Stehen mit viel Lob und auch mal einem Leckerli. Und nach und nach begann sie zu verstehen, was von ihr gewünscht wurde. So blieb ich auch bei dieser Vorgehensweise, als ich den Trab hinzunahm. Und auch hier verstand sie relativ schnell, worum es ging. Um sie für den Galopp vorzubereiten, nahm ich dann noch das Rückwärtsrichten mit hinzu, und wir übten nach und nach, aus dem Rückwärts in den Schritt anzugehen, dann in den Trab und aus diesem Trab heraus dann direkt in den Galopp. Es funktionierten zwar immer nur ein oder zwei Galoppsprünge, aber das war fürs Erste völlig ausreichend, verstand sie doch, die volle Kraft ihrer Hinterhand zu nutzen.

 

Nun war es spannend, was passieren wird, wenn wir mit dem Reiten beginnen. Immerhin sollte sie dann zusätzlich noch Gewicht tragen. Beim ersten Mal reagierte sie auf die treibenden Hilfen nur sehr bedingt und konnte die Idee, die wir vom Boden aus erarbeitet hatten, noch nicht mit unter den Sattel nehmen. So begann ich, wie schon bei der Bodenarbeit, auch jetzt aus dem Sattel heraus jeden freiwilligen Schritt von ihr mit einer Pause zu loben. Das Rückwärtsgehen wiederum klappte wunderbar, und daher begann ich, nach jedem Halten ein oder zwei Tritte rückwärts zu gehen oder sie auch nur leicht auf die Hinterhand zu setzen, um daraus in den Schritt überzugehen. Das verstand sie schnell – und auch aus dem Rückwärts direkt anzutraben klappte schnell hervorragend. Die kleine Stute entwickelte immer mehr Dynamik, und waren es auch nur drei oder vier Trabtritte, so waren diese doch unglaublich schwungvoll. Nach jeder noch so kurzen Sequenz hielt ich an und lobte sie.

 

Und so kam der Tag, an dem sie ganz von selbst angaloppierte. Ich war begeistert, zeigte ihr lobend meine Freude und beendete die Arbeit mit ihr unmittelbar danach.

 

Heute kommt die kleine Stute dem Menschen entgegen, trabt so manches Mal fröhlich nebenher in Richtung Putzplatz und lässt sich mit feinen Hilfen reiten. Sie geht fleißig vorwärts, ist durchlässig und ihre Übergänge sind ein Traum. Ihr Blick ist wach und aufgeschlossen. Der Schlüssel zum Vorwärts dieser kleinen Stute führte zurück an den Anfang, denn neben oder unter einem Menschen vorwärtszugehen hatte diese Stute einfach noch nicht gelernt. 

neue wege gehen


Das zweite Pferd, von dem ich hier berichten möchte, ist ein Vollblut, ein Wallach. Auch er wollte partout nicht vorwärtsgehen. Und auch hier stand vor dem ersten Schritt des Pferdes wieder Schritt eins der menschlichen Vorarbeit: Die Vorgeschichte des Pferdes zu erhellen und nach den Gründen für dieses Verharren zu suchen.

 

Dieses Pferd kam aus dem Sport, und zwar psychisch und physisch lädiert. Der Wallach hatte die Leistung, die von ihm erwartet wurde, nicht erbracht, und da er für den Sport somit nichts mehr taugte, wurde er verkauft. Nun war er müde und ausgepowert, hatte keinen Glanz in den Augen und auch seine Körperhaltung sprach Bände. Es war ganz klar, bei diesem Pferd musste mit viel Feingefühl und ganz behutsam vorgegangen werden. Und vor allem musste er uns Menschen sein Vertrauen schenken, vielleicht sogar zum ersten Mal in seinem Leben.

 

Wieder ein Pferd, das nicht vorwärtsgehen wollte – aber aus völlig anderen Gründen: Anders als die Haflingerstute aus dem ersten Bericht hatte dieser Wallach die Sprache der Hilfengebung antrainiert bekommen. Jedoch nicht im Sinne des Pferdes, denn wie sich leider schnell herausstellte wurde er Augenscheinlich mit viel Druck trainiert. Dies führte zu dem psychisch und physisch angeschlagenen Zustand. Und genau hier lag das Problem dieses Pferdes: Zu wissen, was man soll, aber es nicht zu können, macht Angst. Und Angst lähmt.

 

Der Dreh bei diesem Wallach war es daher, mit einer Arbeit anzufangen, die er noch nicht kannte und die daher auch nicht negativ behaftet sein konnte – und diese Arbeit war offenbar die Bodenarbeit. Tatsächlich bekam ich hier relativ schnell Zugang zu ihm. Es dauerte zwar eine ganze Zeit, ihn dazu zu bekommen, kurze Reprisen zu traben, dann in den Schritt zu kommen und dort in einem guten Tempo zu bleiben; den fleißigen, flüssigen Schritt gab es scheinbar nicht in seinem Repertoire, nur das Schleichen oder das Rasen. Und auch um seine Balance stand es nicht wirklich gut.

 

Der Wallach war regelrecht verwirrt, wenn ich jeden Versuch, es mir recht zu machen belohnte, also nicht auf seine Defizite, sondern auf seine Angebote reagierte. Dann kroch er manchmal aus seinem Schneckenhaus hervor und es sprang erstmals so etwas wie Neugierde und Erstaunen aus seinen Augen. Wiederum eine ganze Zeit später war es soweit, mit dem Reiten zu beginnen, um zu schauen wie er reagieren würde. Anfänglich ließ ich mich einfach passiv auf diesem Pferd nieder und ließ ihn einige Runden im Schritt unter mir gehen. Steigerte ich diese Einheiten unter dem Sattel und wurde als Reiterin aktiver, wirkte er sofort wieder in sich gekehrt, ablehnend und sein Schritt wurde langsamer. Das schien für ihn schon zu viel Druck zu sein. Es war also an mir, zu überlegen, wie ich ihn aus der Sorge bekommen konnte, mein Schenkel und auch meine Hand könnten ihm etwas Ungutes tun. Also stellte ich mir vor, ich würde ihn quasi von oben longieren: Ich arbeitete viel mit Stimme und sehr wenig mit den Schenkeln. Die bot ich ihm lediglich an. Und immer, wenn er sich in seine erlernte Schutzhaltung verkriechen wollte, holte ich ihn sanft zurück.

 

Es gibt heute immer noch Tage, an denen er skeptisch ist, doch in aller Regel lässt er sich schnell auf die Arbeit ein. An Tagen, wo er mir signalisiert, dass es ihm nicht gut geht oder er einfach mal keine Lust hat, lasse ich ihn in Ruhe. Er kommt mittlerweile von selbst und sucht die Nähe zum Menschen. Sein Blick ist wieder aufgeweckt und neugierig. Er hat gelernt, dass er sich Menschen vermitteln kann und dass Vertrauen eine lohnenswerte Sache ist.

 

 

Der Schlüssel zum Vorwärts dieses Wallachs lag also darin, ein für ihn noch unbekanntes Terrain zu betreten und jeden mutigen, schönen Schritt dorthin zu belohnen.

zurück auf los


Das dritte Pferd, das ich als Beispiel ausgewählt habe, ist ein Warmblut.

 

Auch dieses Pferd hatte keine Idee, wie es sich als Reitpferd vorwärtsbewegen sollte - und das, wie sich mit Blick auf seine Vorgeschichte zeigte, ebenfalls aus gutem Grund: Der Wallach war zu früh angeritten worden. Er war viel zu jung und auch körperlich noch zu unreif, um zu verstehen und vor allem umsetzen zu können, was ihm doch vermeintlich schon längst beigebracht worden war.

 

Anfänglich sperrte er sich bei fast allem. Er war nur im Außen und versuchte mich so gut es ging zu ignorieren oder sich durch schnappen und Drohgebärden seinen Raum zu nehmen. Wenn klar ist, warum ein Pferd etwas tut, das uns nicht gefällt, geht es natürlich nicht darum, zu strafen, sondern die Umstände zu verbessern. Und je weniger Aufhebens ich um seine Attacken machte, desto seltener gab es sie. Dadurch entstanden die Momente, in denen er Kapazität hatte, mir zuhören – und wir begannen mit der gemeinsamen Arbeit.

 

Die erste Aufgabe war es, ihn in Balance zu bringen. Nach und nach verstand er, worum es hierbei ging. Vom Boden aus ging es sogar relativ schnell und und es zeigte sich mehr und mehr, dass dieses Pferd ein sehr sensibles und kluges Pferd ist. Auch hier kam der Zeitpunkt, in den Sattel zu steigen. Das Grundprinzip hatte er verstanden, aber trotzdem zeigte er sich unter dem Sattel immer wieder schnell überfordert. Zum einen war das seiner Größe und der noch etwas zu schwachen Muskulatur zu zuschreiben, zum anderen natürlich dem zuvor falsch Erlernten. Kurze Reprisen, die leicht klappen konnten und daher gelobt werden konnten, halfen, Missverständnisse gar nicht erst entstehen zu lassen und Vertrauen in den eigenen und auch den Körper des Reiters zu entwickeln. Mittlerweile ist dieser Wallach fleißig unterwegs. Er ist ein zuverlässiges und unglaublich kluges und feines Pferd.

 

 

Der Schlüssel zum Vorwärts dieses Pferdes lag darin, ihn altersgerecht zu schulen, also nicht nur die Technik den physischen, sondern auch die Pädagogik den mentalen Fähigkeiten anzupassen.

Drei pferde, eine Erkenntnis

 

In den drei vorangegangen Berichten habe ich drei Beispiele dafür gezeigt, dass das Problem eines Pferdes immer individuell zu lösen ist, und zwar auch dann, wenn tausend andere Pferde genau dasselbe Problem zeigen. Denn bei näherer Betrachtung gibt es keine Standardprobleme und schon gar keine Standardlösungen. Jedes Problem hat eine Ursache, die zu diesem Problem überhaupt erst geführt hat. Und erst, wenn wir diese Ursachen (er)kennen, können wir die Gründe des Pferdes für sein Verhalten verstehen und daraus dann Ansatzpunkte für Lösungswege entwickeln.

 

In meiner Arbeit hilft es mir immer, die Dinge aus der Perspektive des jeweiligen Pferdes zu betrachten. Ausgehend davon, dass Pferde uns grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstehen und erst argwöhnen, wenn ihnen Schlechtes widerfahren ist, bedeutet das, jeden Ansatz des Pferdes, das Richtige für uns zu tun, positiv wahrzunehmen. Darauf sollten wir unsere Arbeit mit den Pferden lenken und nicht allein unsere Ziele zum Maßstab machen. Dazu gehört daher auch eine große Portion Eigenwahrnehmung und auch Selbstkritik, denn Pferde verschenken ihr Vertrauen nicht um jeden Preis.

 

Genau diese Herausforderung macht meinen Beruf so unglaublich bereichernd und abwechslungsreich, und ich bin jedes Mal unglaublich stolz darauf, wenn ich mir das Vertrauen eines Pferdes verdient habe. Vor allem das Vertrauen derjenigen Pferde, die den Menschen schon aufgegeben hatten. Das Erste, was ich jedem Pferd, mit dem ich zusammenarbeiten darf, vermittle, ist, vertrauenswürdig zu sein.